Fragment#1

Gelächter, Tellerklappern, schmatzende Gesichter. Ich sitze in der Mensa. Es sind Semesterferien, endlich mal entspannen und nicht die ganze Zeit an Uni denken. Man könnte wegfahren und die Welt sehen oder einfach den ganzen Tag mit einer Serie und Cola im Bett liegen. Und ich sitze in der Mensa und kratze mit meiner Gabel über den Teller, schiebe meine Nudeln hin und her. Ich bin unzufrieden mit mir, weil ich weiß, dass ich nicht aufessen werde, aber das ist ja nichts neues. Da ich für gewöhnlich immer alleine in die Mensa gehe, macht es mir nichts aus, ohne Gesprächspartner oder ähnlichem an diesem großen Tisch zu sitzen und gedankenverloren Löcher in die Luft zu starren. Ich höre nebenbei auf einem Ohr Musik und bin zufrieden damit. Außerdem komme ich so mal dazu, die neusten Nachrichten zu lesen. Wobei „neu“ natürlich relativ ist. „In deiner Nähe beliebt“ sind die immer gleichen Themen. Irgendwas mit Handys. Irgendwas mit Fußball. Irgendwas mit Politik. Man kennt es fast schon auswendig. Ein Thema, was in Dresden immer gut läuft, sind Flüchtlinge. Und natürlich Fremdenhass. Täglich grüßt das Murmeltier…
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Siamo tutti Antifascisti!

(Disclaimer: Ich bin immer noch pro Asyl und gegen Rechts. Dankeschön. Achja,vielleicht will ich ja einfach nur provozieren, weil… naja… ihr wisst schon.)

„Zwanzig Minuten Verspätung“ steht an der Anzeige im Bahnhof. Na super, denke ich mir, dann hast du ja noch Zeit… Kurz darauf die Durchsage mit einer Korrektur. Es wären doch nur Fünf Minuten, na dann geht’s ja. Der Zug, in den ich steigen würde, bringt mich in meine Heimatstadt. Wieso? Heute werden Flüchtlinge ankommen und weiter verteilt werden, in dem Zusammenhang ist eine Anti Asyl Demo der örtlichen NPD angemeldet worden, außerdem auch eine Gegendemonstration. Letztere ist mein Ziel.

Was mich dort erwarten würde, war mir nicht klar. Aber Flagge bekennen ist ja wichtig und wenn ich nicht gehe, darf ich mich ja nicht beschweren. Außerdem bin ich ja mehrere Demos aus Dresden gewohnt. Das sollte doch ganz gut werden.

Also gehe ich hin. Nicht alleine, denn ich habe ja auch Freunde, die meine Einstellung teilen. Also gehen wir gemeinsam. Dort angekommen ist die Stimmung erstmal ungewöhnlich. Nicht aggressiv oder so, aber es sind nun mal kaum Leute da, aber was will man in einer Kleinstadt erwarten. Nach und nach füllt sich der Platz auch noch und es werden doch eine solide Menge Menschen. Uns gegenüber stehen die Polizeiautos und dazwischen die Polizei selbst. Dahinter ist die Gegenseite, die NPD, die Nazis, die Asylgegner, die „besorgten Bürger“. Über meinem Kopf weht eine Regenbogen-Flagge mit der Aufschrift „PACE“ (ital. „Frieden“). Es fällt die Frage, was das denn da heißt? Ich muss Lachen. Da macht mein Studium doch schon erste sinnvolle Dinge. Weiter vorne ein Transparent. „Unsere Stadt ist bunt“ – Achso?

Ein Freund zieht mich aus der Menge. „Komm, wir müssen nochmal schnell weg, was zum Lärm machen holen!“. Wir gehen eine Trommel und einen leeren Bierkasten, sowie einige Drumsticks holen und begeben uns wieder zur Demo. Kurz darauf geht es auch schon los. Wir sollen laut machen und uns bemerkbar machen. Auf der anderen Straßenseite schauen Anwohner aus dem Fenster, machen Fotos. Egal, denke ich mir, lass sie machen. Mir steigt Alkoholgeruch in die Nase. Ich hasse diesen Geruch sehr. Möglicherweise auch Kindheitsbedingt, aber das ist jetzt Nebensache.

Als die Nazis sich auf den Weg machen und in Sichtweite sind, beginnen die Parolenrufe. „Nazis raus!“, „Nationalismus raus aus den Köpfen!“, „Ihr habt den Krieg verloren!“, „So sieht deutscher Inzest aus!“. Ich rufe nicht mit. Keinen einzigen Spruch. Ich sehe mich um und bemerke meine Gesellschaft. Jugendliche ab 16 Jahren, schätzungsweise. Sie sind ausgelassen und scheinen Spaß zu haben an der Sache. Klar, sie rufen ja auch ihre Meinung der Opposition entgegen. Wer hätte da keinen Spaß?

Aber ist das wirklich ihre Meinung? Sind sie, so wie sie es gerade rufen, „tutti Antifascisti“? Ich habe leider nicht das Gefühl, dass es so ist. Wen könnte ich fragen, was dieses „Alerta, Alerta“ überhaupt soll? Wieso seid ihr hier, frage ich mich. Ich überlege auch, ob ich nicht einfach gehen sollte. Die Stimmung gleicht einer Teenager Party. Ich bekomme den Eindruck, die erste Reihe dort ist nicht hier, weil sie ihre Meinung vertreten möchte, sondern um sich damit zu profilieren. Ist es mittlerweile einfach cool geworden, gegen das System zu sein? Brüllt der hippe Jugendliche jetzt Beschimpfungen gegen die Polizei, die ihm direkt gegenüber steht? Gibt es Bonuspunkte, wenn man seinen Mittelfinger besonders provokativ den Nazimassen entgegen streckt und sich im Anschluss vielleicht auch noch etwas – non-verbal versteht sich – mit denen auseinander setzt? Existiert mittlerweile ein Pseudo-Antifaschismus in den Köpfen der Teenager?

In der Schule ist das Thema Nazis langweilig und im Gesellschaftskunde Unterricht muss man ja nicht aufpassen. Alles langweilig. Alles sinnlos. Politik ist scheiße. Und jetzt steht ihr vor mir und schreit politische Parolen durch die Gegend. Interessant. Was ist jetzt anders? Oder ist Politik doch gar nicht so schlimm, aber in der Schule muss man ja gelangweilt sein, damit man cool ist. Genauso wie man jetzt eben hier sein muss und seinem „Hass“ freien Lauf lassen muss, damit man dazu gehört.

Hiermit unterstelle ich 50% der Jugendlichen, die auf so eine Demo gehen, wie ich heute erlebt habe, dass sie selbst sich überhaupt keine Gedanken gemacht haben, was sie da heute gerufen haben. Und in dem Moment beugt ihr euch einfach der Masse und schreit mit. Weil es cool ist.

Siete tutti Antifascisti? No.

‚Kay, Pop?

Disclaimer: Alles in diesem Blogartikel ist vollkommen subjektiv. Nichts hier soll verletzend oder kritisierend sein. Ich selbst mag K-Pop und will niemanden haten, sondern nur meine Erfahrungen teilen. Teilweise eventuell etwas überspitzt, um das Ganze unterhaltsamer zu gestalten.

Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, hab ich in letzter Zeit einiges mit K-Pop am Hut. Nicht nur, dass ich diese Musikrichtung neuerdings verstärkt höre, sondern auch dass ich in einer K-Pop Tanzgruppe in Dresden bin. Ich will hier einfach mal ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, was manchmal meine Eindrücke von der Szene sind beziehungsweise was mir so aufgefallen ist. Weiterlesen

Steine.

Die Straße, die ich vor mir seh‘,
liegt leer und verlassen.
Auf meiner Stirn fühl ich nur Schnee.
Und Kälte füllt die Gassen.

Die Lichter meiner Heimatstadt
scheinen nur noch schwach.
Sie war doch alles, was ich hat’.
Ihr Schein hielt mich wach.

Die Hände, die ich wärmen sollte
sind von der Kälte blau.
Warum sie mich verlassen wollte,
daraus werd ich nicht schlau.

Der Gesang in meinem Ohr,
hallt nur noch sehr leise.
Erinner’ mich, was sie mir schwor.
Dann ging sie auf die Reise.

So lieblich ihre Stimme war,
so herzlos war die Flucht.
Das Leben ist nicht wunderbar,
egal, was man versucht.

Nun ist sie weg und ist bei ihm.
Und ich bin hier alleine.
Von ihr ist mir nicht viel geblieben.
Außer Herzen oder Steine.

Das Leben ist nicht immer schön,
da braucht’s keiner Belege.
Die Welt wird sich doch weiter dreh’n,
geh’n wir auch and’re Wege.

Oder?

Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und schaut hinaus. Sie beobachtet das Fenster. Sie beobachtet ihre Spiegelung im Fenster. Sie beobachtet sich. Sie fragt sich, wer das da ist, den sie vor sich im Fenster erkennen kann. Wessen Silhouette starrt da zurück?

Sie sagten ihr, dass sie krank sei. ‘Nein’ hatte sie geantwortet. Nein, sie ist nicht krank. Wieso auch? Ihr geht es doch gut? Sie fühlt sich vollkommen normal. Oder nicht? Was ist überhaupt normal und ist sie nicht selbst reif genug, um festzulegen, was normal ist und ob sie krank ist?

Sie sagten ihr, dass sie krank sei. ‘Nein’ hatte sie geantwortet. Sie war doch gesund. Sie war gesund.

Sie sagten ihr, dass sie krank sei. ‘Nein’ hatte sie geantwortet. Sie war doch gesund. War sie gesund? Sie fühlte sich gesund. Aber war sie es auch? Hatten die Anderen nicht vielleicht doch recht?

Sie beobachtete den Mensch, der in der Fensterscheibe saß. Er beobachtete sie. War er gesund? Er sah gesund aus, aber fühlte er sich auch gesund? Manchmal begann sie selbst zu glauben, dass sie krank war. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Seitdem sich ihr Leben um 900 Grad gedreht hatte im letzten Sommer war irgendetwas anders. Konnte das der Grund sein? Etwas fehlte? Oder war es der Stress, der seit Herbst auf sie herabregnete? Konnte er der Grund sein? Etwas war zu viel? Was, wenn sie sich selbst belog?

Aber was, wenn die anderen lügen? Was, wenn jeder andere sie einfach nur anlog? Die Menschen um sie herum? Die Waage? Die Standards der Gesellschaft? Alle waren sie Lügner.

Oder?

Wen konnte sie denn fragen, ob alle logen? Wenn sie einen Arzt fragen würde, ob sie krank sei, würde dieser sie weg sperren. Sie wollte nicht weggesperrt sein. Sie konnte keinen Arzt fragen.
Wenn sie einen Erwachsenen fragen würde, würde er bedenklich sagen, dass sie auf sich aufpassen sollte und wäre besorgt um sie. Sie wollte nicht, dass jemand wegen ihr besorgt war. Sie konnte keinen Erwachsenen fragen.
Wenn sie einen Freund fragen würde, würde er sagen, dass sie sich keinen Kopf machen solle und das schon alles wird. Das wäre eine Lüge. Sie wollte nicht, dass sie ihre Freunde anlügen müssen. Sie konnte keinen Freund fragen.

Sollte sie sich einfach zwingen, Dinge zu tun, um gesund zu wirken? Sie wollte nicht nur gesund wirken. Sie wollte gesund sein. Doch sie war doch gesund, oder nicht? Und wenn man gesund ist, muss man doch nicht gesund werden.

Wieso bestand ihr Kopf nur noch aus nie endenden Fragen? Wenn man gesund ist, muss man doch nicht gesund werden.

Oder?

Abschiebung.

Mit Glatze, Lederjacke
Wütender Fratze (und ‘ner leichten Macke)
sitzt Ronny in der Küche.
Er isst sein Leberwurstbrot, ließt Zeitung und schreit Flüche.
Die Mannschaft, der sein Herz gehört, hat beim Spiel verkackt.
Das geschieht bestimmt nur dann, wenn er’s nicht dahin packt.

Und das ist nicht das Einzige, was den Ronny stört.
Letztens, in der Kneipe, hat er noch etwas gehört.
Seit November wohnt da nämlich nebenan im Nachbarhaus ein Neuer.
Und Ronny war beim Hund Ausführen schon der Name nicht geheuer.
Zu schwer zu merken, dieser Name, der’s Ronny auch egal.
Nur leider kommt der Nachbar eben nicht aus Wuppertal.
Zu fremdländisch erschien ihm dieser Name,
und letztens auf der Straße war da diese Dame,
die, sagen wir’s galant,
fast komplett unter einem Tuch verschwand.
Ronny kennt sich aus mit Mode und weiß darum genau,
das hatte nichts mit Stil zu tun, bei dieser einen Frau.

Am Stammtisch hieß es weiterhin, die glauben nicht an Gott,
dafür, das weiß der Ronny, gehör’n die auf’s Schafott!
Denn jedem ist doch völlig klar,
nur Ronnys Religion ist wahr!
Und wenn man schon in Deutschland lebt,
man brav deutsche Traditionen pflegt.
Sonntags geht es in die Kirche, um Predigten zu hören.
Da darf man Ronny wenigstens nicht beim Schönheitsschläfchen stören.
Und andre Religionen? Pfui! Das ist alles Abschaum.
Die wünschen sich doch alle nur Verhüllung unsrer Frau’n!

Das geht nicht, denkt sich Ronny da.
Und steht vom Frühstück auf.
Hier war’s doch mal so wunderbar,
und beschleunigt seinen Lauf.
Er gründet einen neuen Kult:
“Die Ausländer sind schuld!”

Und hat mal wieder ganz gepflogen,
die Schuld von sich nur abgeschoben.

Die Vorlesung

Fast Mittag. Ich gähne lang und schaue mich dabei gelangweilt im Raum um. Der Hörsaal ist voll. Also eigentlich wie immer. Die ersten Reihen sind voller als die hinteren. Hier ist auch nichts besonderes dran. Ebenso wenig wundert es mich, dass ich – selbstverständlich in einer der hinteren Reihen sitzend – nicht aufpasse, sondern stattdessen diesen Text hier schreibe und dabei anmerke, dass ich nicht aufpasse.
Allgemein passt sowieso kaum einer auf. Jeder hat festgestellt, dass der Professor nur sein Skript an die Tafel schreibt und das Ganze in einer so hohen Geschwindigkeit, dass es unmöglich ist, mitzukommen. Und trotzdem sitzen wir alle in diesem Raum und vertreiben uns hier die Zeit.
Wir könnten zwar genauso gut in der Mensa sitzen, oder Zuhause im Bett liegen, oder lesen oder gar lernen.
In sieben Tagen steht die erste Prüfung an. Ich werde sie nicht ablegen, weil ich sie nicht bestehen würde. Mathe. Vermaledeite Mathe.
Ich kratze mir den Hinterkopf.
Ich beobachte das Phänomen, dass mir wirklich der Kopf juckt, nachdem ich diesen Satz geschrieben habe. Mist.
Ich bemerke ein Bündel 500€-Scheine in meiner Hosentasche.
Schade, das ist nicht wahr geworden.

Ich will wieder Schule haben.

Aus dem WG-Leben.

plctrm & bttrfly

Ein typischer Ich-wohn-nicht-mehr-bei-Mami-Post eines Ich-hab-mein-Abi-und-bin-schon-groß-Mädchens.

Ich wohn seit zweieinhalb Monaten in einer wunderbaren WG. Aber es gibt ein paar Dinge, die einem irgendwann auffallen.

1. Wir sind vier Jungs und drei Mädchen mit zwei Wohnungen, aber einer WASCHMASCHINE. Wochenlang will niemand waschen, du hast selber zu wenig, als das es sich lohnt, also wäscht du auch nicht. Ein paar Tage später am Mittagstisch:
Karo: Ich wasch nachher mal meine Wäsche. Is‘ okee, oder?
Daniela: Ich hab grade meine Wäsche drinnen. Aber heute Abend kannst du waschen.
Fabi: Nee, heute Abend wollte ich waschen!
Charly müsste auch mal wieder waschen und überhaupt, warum wollen alle immer zur gleichen Zeit waschen?? Was denn da los.

2. BÜCHER. Das Beste am WG-Leben ist wohl, dass man eine kleine Bibliothek hat. Jeder besitzt ein paar Bücher und ständig leiht man die Bücher hin und her. Fabian hat mein Buch, ich hab eins von Joel…

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Das Bahn-Zeit-Paradoxon

Dass Bahnen nur in einem Paralleluniversum existieren, ist ja allseits bekannt. Wie sonst könnten sie es regelmäßig schaffen, unsere komplette Physik auf den Kopf zu stellen und dabei 100%ig unschuldig zu wirken. Ich möchte hier mal auf ein Phänomen eingehen, welches nur bei Bahnen zu beobachten ist. Die Zeit in Relation zu Bahnen als öffentliches Verkehrsmittel t(DB).
Denn scheinbar folgt die Bahn nicht nur anderen physikalischen Gesetzen, sondern definiert auch Zeiteinheiten anders als unsere Gesellschaft. So sind Minuten nicht gleich 60 Sekunden lang, sondern folgen unregelmäßigeren Zeitspannen. Nehmen wir das Beispiel, dass man auf dem Weg zur Haltestelle/Bahnhof ist und die Uhr zeigt an, dass – laut Plan – die Bahn in 5 Minuten kommen sollte. Jeder kennt diese Situation und jeder weiß auch, dass man die Bahn so gut wie nie schafft, maximal kann man ihren Rücklichtern winken.
Was viele dabei nämlich außer Acht lassen, ist, dass es sich dabei um 5 Menschenminuten handelt. Die Bahn rechnet in ihren eigenen Einheiten, den sogenannten „Einigen Minuten“ (minE).
Diese sind für den Durchschnittsmenschen nicht zu begreifen und ich werde mich an dieser Stelle nicht darin verlieren, sie zu erklären.
Ein anderes Beispiel ist nun, wenn man an der Haltestelle steht und auf seine Bahn wartet. Laut Aushangplan kommt diese ebenfalls in 5 Minuten. Doch auch hier darf man sich nicht täuschen lassen. Nicht selten passiert es, dass 5 einige Minuten einer halben Menschenstunde entsprechen. Das sollte man bedenken, bevor man auf die Bahn wartet, wenn man doch nur zwei Haltestellen fahren möchte. Falls nun der Fall eintritt, dass ein Bus in 3 Minuten kommen soll und eine Bahn in 7, so wird die Bahn letztendlich zeitgleich mit dem Bus ankommen. Das hat mit dem Konkurrenzkampf zwischen Bus und Bahn zu tun, welcher durch den jüngsten Fernbushype so sehr entfacht wurde, dass die Bahn regelmäßig streikt, um zu verhindern, dass Busfahrer zu ihren Bussen kommen. Aber ich schweife ab.
Zeit, die man in einer Bahn verbringt, ist auch sehr eigen. Sie kann sich nämlich dehnen und stauchen. Hat man eine 4 Stündige Fahrt vor sich, wird die Zeit extra langsam vergehen und die Bahn wird Umwege über Bielefeld, Buxte (bei Hude) und direkt durch das Bernsteinzimmer machen. Wenn der Zielbahnhof aber nur noch wenige Minuten entfernt ist, wird die Bahn versuchen, einen zum Einschlafen zu bringen oder den Bahnhof in Lichtgeschwindigkeit durchfahren. Jeweils mit dem Ziel, den Ausstieg zu verpassen und dem Passagier damit einen längeren Aufenthalt in den klimatisierten und gut beheizten Luxusabteilen der Deutschen Bahn zu bescheren. Ist das nicht nett von ihr?
Bei der Bahn gilt eben nach wie vor: Das Leben in vollen Zügen genießen.

Impressionen einer Abiparty

“Wollen wir wirklich dahin?”

“Oh Man, worauf hab ich mich da eingelassen.”

“Naja, nützt ja nichts.”

Ich leg den Strohhalm aufs Tablett. Der Gemeinschaftsbecher Softdrink ist bereits zum dritten Mal geleert, jetzt bleibt er es auch. Müll wegbringen, Jacke an und raus zum Auto. Seit den Herbstferien dreht sich im Autoradio die gleiche CD. Wir drehen den K-Pop lauter und versuchen uns auf das einzustellen, was uns gleich erwarten wird. Das große M verschwindet bald schon hinter den Bäumen. Natürlich fängt es an, zu regnen. Sonst wäre es ja auch langweilig. Wir fahren einen extremen Umweg bis zum Club. Ob das aus Versehen war oder vielleicht auch aus Angst vor dem, was hinter den nächsten Kurven lauert? Wer weiß.

Direkt vor uns fährt ein Polizeiwagen Streife und wir wissen, dass wir gleich am Ziel sein werden. Links am Straßenrand laufen aufgetakelte Mädchen mit Regenschirm und Kerle mit Collegejacken und Bierflaschen in der Hand. Ein junger Mann reckt seine Unterhose gen Himmel und entleert seinen Mageninhalt oral in den Straßengraben. Man hört bereits Bässe dröhnen. Wir parken das Auto ein wenig abseits, lassen alles Unnötige im Kofferraum und laufen die letzten 100 Meter.

Vor dem Club stehen mehrere Menschentrauben. Vereinzelt steigen blauen Rauchfladen auf. Die Stimmung scheint ausgelassen und heiter. Vor dem Eingang hat sich eine längere Schlange gebildet. Alles recht geordnet, hab ich das Gefühl. Der Club ist recht unscheinbar. Ein flaches, weißes Gebäude (soweit ich das bei der Beleuchtung beurteilen kann), ohne Fenster. Davor eine Biertisch-Garnitur und ein paar alte Gartenstühle. Ich bin hier schon oft mit dem Rad vorbeigefahren. Das Haus kam mir immer verlassen vor. Wer hätte hier einen Club erwartet?

Die jüngsten Gesichter hier sind wahrscheinlich 16 Jahre alt. Bei einer p16 Party sollte man das auch erwarten, aber in dieser Stadt hat man schon so einiges erlebt. Hier und da sagen ein paar Leute Hallo, dann stellen wir uns auch an. Vorab wurde uns Zwölfern versprochen, dass wir zum vergünstigten Preis von 1€ anstatt der üblichen 3€ reinkämen. Also sag ich dem freundlichen Schrank am Einlass, dass ich aus der 12. Klasse bin. Er fragt mich nach meinem Kurs und nach meinem Namen. Aber ich stehe nicht auf der Liste. Also zahl ich dann doch die 3€. Schülerausweis will der nette Mann nicht als Beweismittel gelten lassen. Freundlich von meinem Jahrgang. Ich werd’s mir merken.

Wir hängen unsere Jacken in die Garderobe. Haken Nummer 22, sollte ich mir merken. Die Tanzfläche ist mäßig besetzt. Dafür ist die Schlange an der Bar lang genug. Ich hab eh nicht vor, was zu trinken. Das machen Andere für mich zu genüge. Außerdem hab ich meinen Beitrag beim Einlass ja schon zu 300% bezahlt. Muss reichen. Der Raum bietet vielleicht Platz für rund 200 Leute. Am Rand stehen Sofas und Bänke und an der Stirnseite eine Bühne, wo die Boxen dran stehen, welche dafür sorgen, dass der Staub, der durch den Raum fliegt, ordentlich durchgemischt wird.

Ich habe das Gefühl, es gibt keine andere Gelegenheit, zu welcher sich häufiger umarmt wird, als auf diesen Partys. Wohin ich auch sehe wird geknuddelt. Die Gespräche bestehen aus “Hi” und “Mit wem bist du denn hier?”. Die meisten Leute scheinen überrascht, mich hier zu sehen. Naja, ich wäre das auch. Verdattert, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, werde ich umarmt und begrüßt. Was mache ich eigentlich hier? Wir stellen uns an den Rand der Tanzfläche und wippen mit dem Fuß. Also ich zumindest. Die Weibchen wackeln mittlerweile kräftig mit den Hüften. Ich kenne mich, ich werde auch noch ausgelassener, das dauert nur ein bisschen. Ich treffe meinen ehemaligen Nachbarn, der mittlerweile mit der Schule fertig ist. Freut mich, ihn mal wieder zu sehen.

Meine Bedenken, dass es keine alkoholfreien Getränke geben wird, bestätigt sich nicht. “Cola, Limo, H2O – 2€, 1€ Pfand”. Ich denke an meine 3€ Eintritt. Selbstverständlich ist die Karte prozentual gesehen eher Prozentig. “Schnaps, Bier, ANALog” liest man dort. Alles günstiger als “H2O”. Naja, es gibt ja auch Toiletten.

Es folgen zwei oder drei Stunden laute Musik, flackernde Lichter und Zucken zum Takt der Musik. Ich kann zwar nicht tanzen, aber eigentlich ist mir das egal. Ich bewundere einen Kumpel, der fast durchweg seine Robodance-Nummer durchhält, oder wie auch immer man das nennt. Und das vor allem so, dass es gut aussieht. Leider würdigen das die anderen zu wenig. Logisch, er hält ja keine Schnapsflasche in der Hand. Was ist schon Talent? Außerdem sieht man einige Gebilde zweier Menschen, die sich gegenseitig die Zunge in den Hals schieben. Eigentlich will ich gar nicht hinschauen, aber das das wie ein Autounfall. Man kann einfach nicht anders, als hinzuschauen. Manche Mädchen tun mir leid, da ich die Maschen kenne, die die Jungs anwenden, nur um ein bisschen ‘Zuneigung’ zu bekommen. Montag werden dann wieder die Gerüchte losgehen. Und die eine wird sich bei der anderen ausheulen, dass sie ihn doch eigentlich gar nicht küssen wollte. Man kennt das ja.

Halb 3. Wir beschließen, dass wir gehen sollten. Der Alkoholpegel steigt im Club. Und damit meine ich nicht nur die Promillewerte der Anwesenden, sondern auch die Wodkapfützen auf dem Boden werden größer. Man kann cool über den Boden sliden, wenn man genug Anlauf nimmt.

Ich begebe mich in die Garderobe. Nummer 22. Natürlich hängt da nichts. Verdammt. Die Jacke war nicht billig. Auf dem Boden ist ein Berg aus Klamotten entstanden. Ich frage mich, wie sämtliche Kleidung runterfallen kann, wenn doch jeder seine Jacke aufhängt. Egal. Mutig, wie ich bin, erklimme ich den Mount Cotton und entdecke meine Jacke. Jetzt schnell raus.

Der Regen ist stärker geworden. Es fällt den Leuten schwerer, ihre Kippen anzustecken. Ich stelle mich irgendwohin und warte auf meine Leute, die ebenfalls ihre Jacken suchen. Dabei werde ich mehrmals nach Tabakwaren gefragt. Nur Einer erkennt mich und gibt mit den Worten “Ach nee, du rauchst ja nicht” vorzeitig auf.

Endlich sind wir wieder vollzählig. Wir laufen zum Auto, am Straßenrand plätschert der Urin an die Bäume. Tür zu, Motor an, und wir fahren in der menschenleeren Stadt durch diese Nacht.