Siamo tutti Antifascisti!

(Disclaimer: Ich bin immer noch pro Asyl und gegen Rechts. Dankeschön. Achja,vielleicht will ich ja einfach nur provozieren, weil… naja… ihr wisst schon.)

„Zwanzig Minuten Verspätung“ steht an der Anzeige im Bahnhof. Na super, denke ich mir, dann hast du ja noch Zeit… Kurz darauf die Durchsage mit einer Korrektur. Es wären doch nur Fünf Minuten, na dann geht’s ja. Der Zug, in den ich steigen würde, bringt mich in meine Heimatstadt. Wieso? Heute werden Flüchtlinge ankommen und weiter verteilt werden, in dem Zusammenhang ist eine Anti Asyl Demo der örtlichen NPD angemeldet worden, außerdem auch eine Gegendemonstration. Letztere ist mein Ziel.

Was mich dort erwarten würde, war mir nicht klar. Aber Flagge bekennen ist ja wichtig und wenn ich nicht gehe, darf ich mich ja nicht beschweren. Außerdem bin ich ja mehrere Demos aus Dresden gewohnt. Das sollte doch ganz gut werden.

Also gehe ich hin. Nicht alleine, denn ich habe ja auch Freunde, die meine Einstellung teilen. Also gehen wir gemeinsam. Dort angekommen ist die Stimmung erstmal ungewöhnlich. Nicht aggressiv oder so, aber es sind nun mal kaum Leute da, aber was will man in einer Kleinstadt erwarten. Nach und nach füllt sich der Platz auch noch und es werden doch eine solide Menge Menschen. Uns gegenüber stehen die Polizeiautos und dazwischen die Polizei selbst. Dahinter ist die Gegenseite, die NPD, die Nazis, die Asylgegner, die „besorgten Bürger“. Über meinem Kopf weht eine Regenbogen-Flagge mit der Aufschrift „PACE“ (ital. „Frieden“). Es fällt die Frage, was das denn da heißt? Ich muss Lachen. Da macht mein Studium doch schon erste sinnvolle Dinge. Weiter vorne ein Transparent. „Unsere Stadt ist bunt“ – Achso?

Ein Freund zieht mich aus der Menge. „Komm, wir müssen nochmal schnell weg, was zum Lärm machen holen!“. Wir gehen eine Trommel und einen leeren Bierkasten, sowie einige Drumsticks holen und begeben uns wieder zur Demo. Kurz darauf geht es auch schon los. Wir sollen laut machen und uns bemerkbar machen. Auf der anderen Straßenseite schauen Anwohner aus dem Fenster, machen Fotos. Egal, denke ich mir, lass sie machen. Mir steigt Alkoholgeruch in die Nase. Ich hasse diesen Geruch sehr. Möglicherweise auch Kindheitsbedingt, aber das ist jetzt Nebensache.

Als die Nazis sich auf den Weg machen und in Sichtweite sind, beginnen die Parolenrufe. „Nazis raus!“, „Nationalismus raus aus den Köpfen!“, „Ihr habt den Krieg verloren!“, „So sieht deutscher Inzest aus!“. Ich rufe nicht mit. Keinen einzigen Spruch. Ich sehe mich um und bemerke meine Gesellschaft. Jugendliche ab 16 Jahren, schätzungsweise. Sie sind ausgelassen und scheinen Spaß zu haben an der Sache. Klar, sie rufen ja auch ihre Meinung der Opposition entgegen. Wer hätte da keinen Spaß?

Aber ist das wirklich ihre Meinung? Sind sie, so wie sie es gerade rufen, „tutti Antifascisti“? Ich habe leider nicht das Gefühl, dass es so ist. Wen könnte ich fragen, was dieses „Alerta, Alerta“ überhaupt soll? Wieso seid ihr hier, frage ich mich. Ich überlege auch, ob ich nicht einfach gehen sollte. Die Stimmung gleicht einer Teenager Party. Ich bekomme den Eindruck, die erste Reihe dort ist nicht hier, weil sie ihre Meinung vertreten möchte, sondern um sich damit zu profilieren. Ist es mittlerweile einfach cool geworden, gegen das System zu sein? Brüllt der hippe Jugendliche jetzt Beschimpfungen gegen die Polizei, die ihm direkt gegenüber steht? Gibt es Bonuspunkte, wenn man seinen Mittelfinger besonders provokativ den Nazimassen entgegen streckt und sich im Anschluss vielleicht auch noch etwas – non-verbal versteht sich – mit denen auseinander setzt? Existiert mittlerweile ein Pseudo-Antifaschismus in den Köpfen der Teenager?

In der Schule ist das Thema Nazis langweilig und im Gesellschaftskunde Unterricht muss man ja nicht aufpassen. Alles langweilig. Alles sinnlos. Politik ist scheiße. Und jetzt steht ihr vor mir und schreit politische Parolen durch die Gegend. Interessant. Was ist jetzt anders? Oder ist Politik doch gar nicht so schlimm, aber in der Schule muss man ja gelangweilt sein, damit man cool ist. Genauso wie man jetzt eben hier sein muss und seinem „Hass“ freien Lauf lassen muss, damit man dazu gehört.

Hiermit unterstelle ich 50% der Jugendlichen, die auf so eine Demo gehen, wie ich heute erlebt habe, dass sie selbst sich überhaupt keine Gedanken gemacht haben, was sie da heute gerufen haben. Und in dem Moment beugt ihr euch einfach der Masse und schreit mit. Weil es cool ist.

Siete tutti Antifascisti? No.