Impressionen einer Abiparty

“Wollen wir wirklich dahin?”

“Oh Man, worauf hab ich mich da eingelassen.”

“Naja, nützt ja nichts.”

Ich leg den Strohhalm aufs Tablett. Der Gemeinschaftsbecher Softdrink ist bereits zum dritten Mal geleert, jetzt bleibt er es auch. Müll wegbringen, Jacke an und raus zum Auto. Seit den Herbstferien dreht sich im Autoradio die gleiche CD. Wir drehen den K-Pop lauter und versuchen uns auf das einzustellen, was uns gleich erwarten wird. Das große M verschwindet bald schon hinter den Bäumen. Natürlich fängt es an, zu regnen. Sonst wäre es ja auch langweilig. Wir fahren einen extremen Umweg bis zum Club. Ob das aus Versehen war oder vielleicht auch aus Angst vor dem, was hinter den nächsten Kurven lauert? Wer weiß.

Direkt vor uns fährt ein Polizeiwagen Streife und wir wissen, dass wir gleich am Ziel sein werden. Links am Straßenrand laufen aufgetakelte Mädchen mit Regenschirm und Kerle mit Collegejacken und Bierflaschen in der Hand. Ein junger Mann reckt seine Unterhose gen Himmel und entleert seinen Mageninhalt oral in den Straßengraben. Man hört bereits Bässe dröhnen. Wir parken das Auto ein wenig abseits, lassen alles Unnötige im Kofferraum und laufen die letzten 100 Meter.

Vor dem Club stehen mehrere Menschentrauben. Vereinzelt steigen blauen Rauchfladen auf. Die Stimmung scheint ausgelassen und heiter. Vor dem Eingang hat sich eine längere Schlange gebildet. Alles recht geordnet, hab ich das Gefühl. Der Club ist recht unscheinbar. Ein flaches, weißes Gebäude (soweit ich das bei der Beleuchtung beurteilen kann), ohne Fenster. Davor eine Biertisch-Garnitur und ein paar alte Gartenstühle. Ich bin hier schon oft mit dem Rad vorbeigefahren. Das Haus kam mir immer verlassen vor. Wer hätte hier einen Club erwartet?

Die jüngsten Gesichter hier sind wahrscheinlich 16 Jahre alt. Bei einer p16 Party sollte man das auch erwarten, aber in dieser Stadt hat man schon so einiges erlebt. Hier und da sagen ein paar Leute Hallo, dann stellen wir uns auch an. Vorab wurde uns Zwölfern versprochen, dass wir zum vergünstigten Preis von 1€ anstatt der üblichen 3€ reinkämen. Also sag ich dem freundlichen Schrank am Einlass, dass ich aus der 12. Klasse bin. Er fragt mich nach meinem Kurs und nach meinem Namen. Aber ich stehe nicht auf der Liste. Also zahl ich dann doch die 3€. Schülerausweis will der nette Mann nicht als Beweismittel gelten lassen. Freundlich von meinem Jahrgang. Ich werd’s mir merken.

Wir hängen unsere Jacken in die Garderobe. Haken Nummer 22, sollte ich mir merken. Die Tanzfläche ist mäßig besetzt. Dafür ist die Schlange an der Bar lang genug. Ich hab eh nicht vor, was zu trinken. Das machen Andere für mich zu genüge. Außerdem hab ich meinen Beitrag beim Einlass ja schon zu 300% bezahlt. Muss reichen. Der Raum bietet vielleicht Platz für rund 200 Leute. Am Rand stehen Sofas und Bänke und an der Stirnseite eine Bühne, wo die Boxen dran stehen, welche dafür sorgen, dass der Staub, der durch den Raum fliegt, ordentlich durchgemischt wird.

Ich habe das Gefühl, es gibt keine andere Gelegenheit, zu welcher sich häufiger umarmt wird, als auf diesen Partys. Wohin ich auch sehe wird geknuddelt. Die Gespräche bestehen aus “Hi” und “Mit wem bist du denn hier?”. Die meisten Leute scheinen überrascht, mich hier zu sehen. Naja, ich wäre das auch. Verdattert, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, werde ich umarmt und begrüßt. Was mache ich eigentlich hier? Wir stellen uns an den Rand der Tanzfläche und wippen mit dem Fuß. Also ich zumindest. Die Weibchen wackeln mittlerweile kräftig mit den Hüften. Ich kenne mich, ich werde auch noch ausgelassener, das dauert nur ein bisschen. Ich treffe meinen ehemaligen Nachbarn, der mittlerweile mit der Schule fertig ist. Freut mich, ihn mal wieder zu sehen.

Meine Bedenken, dass es keine alkoholfreien Getränke geben wird, bestätigt sich nicht. “Cola, Limo, H2O – 2€, 1€ Pfand”. Ich denke an meine 3€ Eintritt. Selbstverständlich ist die Karte prozentual gesehen eher Prozentig. “Schnaps, Bier, ANALog” liest man dort. Alles günstiger als “H2O”. Naja, es gibt ja auch Toiletten.

Es folgen zwei oder drei Stunden laute Musik, flackernde Lichter und Zucken zum Takt der Musik. Ich kann zwar nicht tanzen, aber eigentlich ist mir das egal. Ich bewundere einen Kumpel, der fast durchweg seine Robodance-Nummer durchhält, oder wie auch immer man das nennt. Und das vor allem so, dass es gut aussieht. Leider würdigen das die anderen zu wenig. Logisch, er hält ja keine Schnapsflasche in der Hand. Was ist schon Talent? Außerdem sieht man einige Gebilde zweier Menschen, die sich gegenseitig die Zunge in den Hals schieben. Eigentlich will ich gar nicht hinschauen, aber das das wie ein Autounfall. Man kann einfach nicht anders, als hinzuschauen. Manche Mädchen tun mir leid, da ich die Maschen kenne, die die Jungs anwenden, nur um ein bisschen ‘Zuneigung’ zu bekommen. Montag werden dann wieder die Gerüchte losgehen. Und die eine wird sich bei der anderen ausheulen, dass sie ihn doch eigentlich gar nicht küssen wollte. Man kennt das ja.

Halb 3. Wir beschließen, dass wir gehen sollten. Der Alkoholpegel steigt im Club. Und damit meine ich nicht nur die Promillewerte der Anwesenden, sondern auch die Wodkapfützen auf dem Boden werden größer. Man kann cool über den Boden sliden, wenn man genug Anlauf nimmt.

Ich begebe mich in die Garderobe. Nummer 22. Natürlich hängt da nichts. Verdammt. Die Jacke war nicht billig. Auf dem Boden ist ein Berg aus Klamotten entstanden. Ich frage mich, wie sämtliche Kleidung runterfallen kann, wenn doch jeder seine Jacke aufhängt. Egal. Mutig, wie ich bin, erklimme ich den Mount Cotton und entdecke meine Jacke. Jetzt schnell raus.

Der Regen ist stärker geworden. Es fällt den Leuten schwerer, ihre Kippen anzustecken. Ich stelle mich irgendwohin und warte auf meine Leute, die ebenfalls ihre Jacken suchen. Dabei werde ich mehrmals nach Tabakwaren gefragt. Nur Einer erkennt mich und gibt mit den Worten “Ach nee, du rauchst ja nicht” vorzeitig auf.

Endlich sind wir wieder vollzählig. Wir laufen zum Auto, am Straßenrand plätschert der Urin an die Bäume. Tür zu, Motor an, und wir fahren in der menschenleeren Stadt durch diese Nacht.

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